Montag, 2. September 2013

The Erasmus Way of Life

Ein Erasmus Semester zu machen ist ein bisschen so, wie die Führerscheinprüfung abzulegen. Irgendwann ist mehr oder weniger jeder dran, oder zumindest kennt jeder einen Haufen Leute, die es schon gemacht haben und glaubt daher genau zu wissen, wie es funktioniert. Dennoch ist man dann irgendwie überrascht, alle seine Erwartungen erfüllt zu sehen. Und die Erwartung an das Leben von Erasmusstudenten lautet spätestens nach dem Filmerfolg „L`auberge espagnol“: Party, Sex und Alkohol.

Der erste Erasmus-Partyabend: Ich bin zu Besuch im Hunyor-Hostel. Im Halbdunkel auf der Terrasse stehen unzählige junge Menschen mit Bierdosen oder Weinflachen in der Hand. Teils zu zweit, teils in kleinen Grüppchen wird gelacht, geplaudert, geraucht. Ein paar Leute spielen Bierpong.

Das Wohnheim sieht mit seinen muffigen Teppichböden, den großen, gardinenverhängten Fenstern und der Rezeption am Eingang exakt aus wie ein Hotel. Ein reichlich heruntergekommenes freilich. Die ausrangierten Leuchtbuchstaben, die vor dem Gebäude im Gras liegen und das Wort „Hotel“ formen, lassen darauf schließen, dass tatsächlich ein umfunktioniertes Gästehaus als Unterkunft für die Erasmusstudenten dient. Schon ein komisches Gefühl, ein ganzes Semester lang in einem Hotelzimmer zu hausen: Rechts nach dem Eingang ein abgetrenntes Bad, danach rechts an der Wand zwei Betten, auf der gegenüberliegenden Seite ein Fernseher, ein Schreibtisch und ein Kühlschrank der, so heißt es, schon mal der ein oder anderen Kakerlake Unterschlupf gewährt. Der Unterschied zu einem Hotel: Auf Nachtruhe wird kein gesteigerter Wert gelegt. Denn der ganze sechsstöckige Bau ist mit feierwütigen Studenten bevölkert.

Auf der Terrasse vor dem Haupteingang wird heute circa 10 000 Mal das gleiche Gespräch geführt: Wie heißt du, wo kommst du her, was studierst du. Es folgen ein paar lauwarme Scherze und Stereotype über das jeweilige Herkunftsland oder Studienfach (und wenn die gar nichts hergeben sogar über den Namen). Häufig taucht auch die Frage auf, das einen gerade nach Pécs verschlagen hat. Nicht Wenige antworten ganz ungeniert: Ich will mal ein Semester lang richtig Party machen, und in Ungarn ist der Alkohol so billig. Das Trinken und die Party spielen so eine wichtige Rolle, dass ein regelrechtes Wettkampfdenken herrscht. Je mehr Extase, je mehr Alkohol, desto besser. Sich dem zu entziehen ist ohne erhebliche Imageverluste eigentlich nicht möglich. Respekt erwirbt man sich durch Trinkfestigkeit und Ausdauer, wer als erster schlafen geht, hat schon verloren.

Später am Abend im Klub werden auf recht körperliche Weise Brücken zwischen den Nationen geschlagen. Ob es den alten Erasmus von Rotterdam gefreut hätte? Wer weiß.

Neue Erkenntnisse über andere Länder oder interdisziplinären Austausch kann man von dieser Art Konversation natürlich nicht erwarten. Das alles ist nicht wirklich überraschend, aber doch so absurd, dass man es eigentlich erst nach einem beträchtlichen Alkoholkonsum genießen kann.

Eines muss man den Hotelgästen freilich lassen: Mit ihren unendlich vielen vergleichstauglichen Faktoren bietet sie eine optimale Untersuchungsgruppe, die dazu einlädt, hemmungslos den alten ethnologischen Kulturbegriff (ein Kollektiv=eine Kultur) anzuwenden und wilde Thesen aufzustellen: Haben die Angehörigen mancher Nationen (z.B. Litauen) ein größeres Bedürfnis, sich zusammenzurotten als andere (z.B. die Deutschen)? Und woran liegt das? An der Größe des Staates oder an der historisch bedingt unterschiedlich stark ausgeprägten Identifikation mit dem Herkunftsland? Warum erzeugen gewisse Akzente (z.B. der französische oder der Italienische) eine höhere Sympathie als akzentfreies Englisch? Steht die Länge bzw. Kürze der Ohrringe und des Rockes bei Frauen in Relation mit dem Studienfach – mit Psychologie an einem und BWL am anderen Ende der Skala?

Fragen über Fragen. Das Problem ist nur, das man nur eines tun kann: Kritisch-distanziert beobachten oder selbst Spaß haben. Ich kann mich einfach nicht entscheiden…

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